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Es gibt Tage an denen die psychischen Verfassungen der modernen Internautin unentwegt wechseln.

Heute war so einer – angefangen vor dem guten Gefühl, am frühen Morgen dem fälligen Plakatentwurf mit der Energie des jungen Tages den nötigen drive gegeben zu haben über den Eindruck gepfegter Langeweile bei der Vorstellung, jetzt eigentlich nur noch mal schnell ins GraphicsOffice flitzen zu müssen, um der schon fast fertig geglaubten Datei auf dem neuen Bürorechner mit dem nach oben gerutschten "e" und Speicher im Gigabytebereich en passant den letzten Schliff zu geben um sie abschließend dem Farblaser für ein halbes Stündchen zum Ausdruck zu überlassen … bis zur finalen emotionalen Eskalation, nachdem sich herausstellte, dass en passant eben auch etwas mit schlagen und geschlagen werden zu tun haben könnte.

Jetzt ist Zeit für einen kleinen Exkurs, denn nicht ganz unwesentlich in der sich schon im Morgengrauen abzeichnenden Geschichte ist die Art und Weise, wie die moderne Internautin sich der Plakataufgabe widmete: als gelernte Kosmopolitin. Und als eine, die durchaus gelernt hat, mit den Sprachen dieser Welt zurecht zu kommen – "Manchmal", denkt sie, "wäre ich in Babylon besser aufgehoben gewesen."

Bis zu diesem Tag.

Denn der erwähnte Plakatentwurf sollte für eine Veranstaltung durchaus lokaler Natur den Schwerpunkt "Klangwelten – Welt der Klänge" zum Inhalt haben. Die ersten Vorentwürfe verwarf sie zügig, und nachdem sie ein wenig über die Themenstellung nachgedacht hatte, entschied sie sich zur Darstellung dessen, was Klänge mit Menschen des öfteren machen: Sie setzen sie in Bewegung.

Manche nennen das dann auch "Tanzen", jedoch tut dies an dieser Stelle überhaupt nichts zur Sache.

Die hinterlistige Überlegung der modernen Internautin, statt auf die Illustration mit Hilfe eines abgegriffenen Globus auf Paraphrase des Themas mit unterschiedlichen Schriftzügen zu setzen und die zügige Umsetzung am heimischen Notebook trugen nicht unwesentlich zum morgendlichen Hochgefühl bei. Der Tag schien gerettet: Ein paar Freistellarbeiten, den reichlich gefüllten Ordner c:windowsfonts geplündert, einige Ebenen arrangiert, gestapeln, hinter- und ineinander geschoben – das schien doch mehr als tragfähig.

Also alles konvertiert, gepackt, ge-preflightedt, in den FileStore, das Auto bestiegen, ab ins Büro gefahren.

Aufmerksamen LeserInnen wird jetzt nicht entgangen sein, wo das Verhängnis seinen Lauf nahm. Nämlich hier: c:windowsfonts. Eigentlich eine ganz unauffällige Stelle, oder nicht? Gut, dann eben nicht.

Der modernen Internautin lauerte der Teufel (bitte setzen Sie an dieser Stelle Ihren persönlichen Dämon ein, oder lassen Sie meinen einfach stehen – er tut's in den meisten Fällen) in Gestalt unterschiedlicher Schriftenbestände auf. Eigentlich hatte sie dem entgehen wollen, indem sie alles benötigte Schriftmaterial in den besagten FileStore ablegte – aber wie so oft, wenn irgendetwas schief gehen kann, dann geht es auch schief. Mit diesem Sachverhalt ist schon ein gewisser Captain Murphy ziemlich bekannt geworden. Auch, wenn das nicht das Ziel der modernen Internautin an diesem Vormittag war, so gibt es trotzdem einen gewissen illustrativen Charakter.

Die Zeichensätze waren nämlich nicht da, wo sie sein sollten – der Kosmopolitik geschuldet, hätten es nämlich diverse japanische, chinesische, südostasiatische, osteuropäische und vorderorientalische sein sollen – auf dem neuen Bürorechner (rasend schnell, aber ungeheuer blöd) fanden sich jedoch leider nur die üblichen, mitgelieferten Betriebssystemderivate an, die ja ohnehin meist ein wenig ramschig sind.

Die folgenden dreieinhalb Stunden verbrachte die Berichterstatterin zunächst mit etlichen Versuchen, ihre Schriften einer gezippten Datei zu entwinden, um den Rest des Vormittags dann mit der Suche nach hochwertigem Ersatz zu verplempern, diesen zu laden, zu sichten und dann ihrem Grafikprogramm bekannt zu machen. Nein, die moderne Internautin ist keine Stümperin, sie weiß, wie sie das anzustellen hat.

Trotzdem verging der Tag wie im Fluge, und der angedachte Strandausflug am verflüchtigte sich ebenso wie die Perspektive, ihren Job heute mal wieder ganz besonder schnell erledigen zu können. Wobei die eigentliche graphischen Arbeiten in weniger als einer Viertelstunde erledigt waren, und der überforderte Farblaser auch nur knappe 25 Minuten benötigte, um das Ergebnis zu Papier zu bringen.

Es konnte sich sehen lassen, soviel war gewiss. Aber an manchen Tagen fragt sich die moderne Internautin dann angesichts der ubiquitären technischen Debakel schon, ob sie nicht mit den guten alten Rubbelbuchstaben besser bedient wäre. Obendrein, als Zugabe, wäre der Job damit weiterhin fest in Hand derjenigen, die Gestaltung und Schrift genug lieben, um nicht nur Stunden, sondern Tage und Wochen aufzubringen, eine Idee mit der nötigen Sorgfalt zu entwickeln, auszuarbeiten, zu einem vorzeigbaren Ergebnis zu bringen.

Was ja eigentlich auch schon wieder eine fast schöne Perspektive ist.

2 Thoughts.

  1. Ja, das »eben mal schnell«, was es wohl war, währt doch länger.

    Das „Schnell, schnell …“ verübeln mehr oder weniger lebende Wesen wie Computer oder wie diese zauberhaften Rechenwesen sonst in anderen Ländern liebevoll genannt oder geschimpft werden, mit manchem Unwillen. Oder einfach nur mit der Verzauberung der Gegenübersitzenden, aus der dann die unsäglich fatale Verübung von Denk- und Bedienungsfehlern erfolgt.

    Fazit: Kurz vor Abgabetermin oder einfach vor dem Habenmüssen des Produkts ergeben sich streikähnliche Zustände bei der farbigen Laserkiste, die dann das Produkt nach eine kleinen Änderung doch nicht so drucken will wie es der PostScript-Gott gedacht hatte, oder die Abspeicherung erfolge doch woanders hin und es wurde ein alte Datei mit genommen oder …

    So schnell wie die modernen Programme sind, werden eben auch schneller Fehlersituationen erzeugt.

    Da hilft dann selbst kein Brüllen und Flämmen einer Drachin. ;)

  2. "Schnell, schnell" ist ja vor allem das, was die Kundinnen und Kunden möchten … Das in solchen Situationen eher die Bits mit kippeln anfangen wissen wir wohl alle – ich sollte meine Arbeitszeiten in solchen Situationen dann ganz einfach unmstellen: Erst an den Strand, ins Café, auf die Parkbank, und dann, nachdem das kippeln wieder aufgehört hat, den Job erledigen …

    Oder so ähnlich … Auch wenn ich mich als routiniert bezeichne passiert sowas immer mal wieder. Und dann ist es vermutlich der Umgang mit den fehlerträchtigen Situationen, der den Unterschied zwischen Effizienz und Versagen macht.

    Grüße,
    Carolina.

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