>> rubber soul

Es gibt Tage, an denen sich die moderne Interautin durchaus gut fühlt. Und an denen sie dann auch gedenkt, das der Welt mitzuteilen.

Dafür benutzen die Datenreisenden des dritten Jahrtausends dann sogenannte Emoticons, landläufig auch unter dem Begriff Smileys bekannt.

Der moderne Internautin ist es jetzt ein wenig über, ganz genau zu erklären, welcher technische Firlefanz dahinter steckt – nur so viel: In früheren Zeiten, als die Datenpakete noch mit 300 Baud durch die Telefonleitungen tröpfelten und das Medium der wahrscheinlichsten Zukunft unter dem Namen BTX firmierte, war es manchmal durchaus nützlich, den gegenwärtigen Gemütszustand dem unsichtbaren Gegenüber zu verdeutlichen, indem frau eine spitze Bemerkung mit einem :-> kennzeichnete. Andere Varianten wie ;-) zeigten auf, dass eine Bemerkung nicht wirklich ernst gemeint war, während 8*)~ auf einen Zustand fortgeschrittener Trunkenheit und der entsprechenden Folgen schließen ließ.

Wie dem auch sei: es gab eine ausreichende Zahl dieser kleinen Bildchen in ASCII-Form, um den meisten Widrigkeiten der Kommunikation im Cyberspace begegnen zu können.

Im dritten Jahrtausend ist alles anders.

Genauso, wie es irgendwann einmal zum guten Ton gehörte, einen HTML-Code mit dem Attribut blinking zu versehen, ist es nun einer der anerkannten Standards, Smileys zu benutzen. Die moderne Internautin ist durchaus an das Mitteilungsbedürfnis von Menschen in mittäglichen Talkshows erinnert, die alles, aber auch wirklich alles, was sich in ihrem innersten und äußersten abspielt, frank und frei vor einem Millionenpublikum freilegen. Was manchmal gar nicht so viel ist, aber das nur nebenbei bemerkt.

Immerhin, das ganze bildet, und zwar nicht nur ungemein, sondern auch die moderne Internautin: So hat sie im Zuge der Recherche für diesen Artikel nicht nur lernen können, das animierte GIFs mitnichten eine aussterbende Spezies sind – ihr ist auch klar geworden, dass es Gefühle gibt, von denen sie noch gar nicht wusste, dass sie es gibt. Und dass sie diese bisher namenlosen Gefühle manchmal auch hat.

So scheint es unendliche Abstufungen der Basics wie Heiterkeit, Trauer, Freude, Furcht et cetera pp. zu geben, aber auch welche fortgeschrittener Art – mit einem Emoticon zum Geburtstag zu gratulieren scheint noch die leichtere Übung zu sein, jemanden anzuschmachten ist beinahe alltäglich, und was nach intensiven Recherchen so alles im Browserfenster der Benutzerin auftauche und nun wirklich nicht jugendfrei ist, sein an dieser Stelle schamhaft verschwiegen.

Immerhin, es gibt Emoticons, die es ermöglichen, den vermutetet Geisteszustand des gegenwärtigen public enemy nr.1 (wer das ist, kann indivduell verschieden sein) zu verdeutlichen, bekannte und unbekannte Sexualpraktiken zu propagieren, die Konsequenzen fortgeschrittenen Drogenkonsums zu illustrieren, dem Frust über die antizipierte Bevorzugung ethnischer, religiöser, sexueller oder sonstwelcher Minderheiten ein Sprachrohr zu verleihen. Kurz: Nichts, was es nicht gibt, und alles wackelt, blinkt, spritzt, schlägt Purzelbäume oder beleidigt das Auge der Surferin auf irgendeine Weise.

Jedenfalls ist sich die moderne Internautin jetzt ganz sicher, dass sie sich wirklich gut fühlt heute: Sie installiert hintereinanderweg, drei Messenger, fünf Toolbars und einige von den sonstigen Trojanerschleudern, bepflastert ihren Desktop mit kleinen Fenstern, dass es nur so eine Freude ist und dann fängt sie an, sich in ihrem neuen Tätigkeitsfeld auszutoben: Smiley-Spamming.

Was dann ja auch eine durchaus spannende Perspektive sein kann.

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