>> ready made

Manchmal kommt sich die moderne Internautin vor wie auf einem anderen Planeten: Beim samstagvormittäglichen Herumsurfen im Internet (tut man das überhaupt noch woanders?) stößt sie auf Dinge, von denen sie denkt, dass nie zuvor ein Mensch sie gesehen hat. Oder wie war das noch gleich?

Anyway …

Die neueste Entdeckung der modernen Internautin sind kleine Progrämmchen, die Dinge in Sekunden erledigen, welche zu früheren Zeiten mindestens halbstündliches Arbeiten mit ihrer Lieblingsbildbearbeitung nach sich gezogen hätten. Sie wissen schon: Der ganze frickelige Krams, ausschneiden, freistellen, transformieren, anpassen und so weiter und so fort.

Heutzutage: Klick. Fertig. Kopieren. Einfügen. Und eigentlich, möchte die moderne Internautin hinzufügen, auch verkaufen. Was ja (siehe das Thema Arbeiten) der ursprüngliche Sinn und Zweck der ganzen Übung war. Nur so am Rande sei hier auf http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeit_(Philosophie) verwiesen …

Die moderne Internautin gibt es zu: Sie arbeitet gegen Geld, aus niederen Motiven, um nämlich auch noch am Monatsende mehr als Nudeln auf ihrem Speisezettel und den Kühlschrank gefüllt zu haben. Ganz unprosaisch, wie das ja weiland auch die Herren Brecht, Eisler und Busch (nein, NICHT DER!) erkannt hatten: Essen gehört irgendwie auch dazu, als gewissermaßen basales Bedürfnis der menschlichen Lebensform.

Und so erfreut sich die moderne Internautin zwar diverser computergerierter Bildchen, die sich vortrefflich zur Illustration diverser, nicht abschließend aufzuzählender Lebensumstände eignen, verliert ihre kindliche Freude aber bei dem Gedanken an den Verlust der Einzigartigkeit ihrer bisherigen Arbeit. Kurz: Das kann ja dann jede und jeder, das ist ja dann nix mehr wert. Was, auf einen weiteren Punkt gebracht, zu Hungern und Zagen nicht nur der modernen Internautin sondern auf des zugehörigen Kind & Kegels führen könnte.

Doppelplusungut.

Allerdings scheint es noch Rettung zu geben: Zu sehr sind, bis auf in Ausnahmen, die Ergebnisse eher holperig zu nennen. Es ist eben etwas anderes, einen Text "mal eben mit der Maschine" in ein Bild zu transferieren. Da stimmt die Perspektive nicht, das Licht kommt aus der falschen Richtung, die Ränder sind zu hart oder zu weich – und damit ist das gesamte Machwerk auch schnell als Fake identifiziert. Manchmal in Ordnung, manchmal auch nicht. Beispiel möge die obige Buchstabensuppe sein, in der die Lichtreflexe bei genauerem Hinsehen eben von unterschiedlichen Quellen kommen. Auf Anhieb geht's durch, beim zweiten Blick fällt der Fehler dann doch auf.

Alles also doch eitel Sonnenschein? Nein. Denn das geschulte Auge mag die kleinen Unstimmigkeiten entdecken, für die große Mehrzahl der BetrachterInnen bleiben sie auch auf den dritten, vierten, fünften Blick unsichtbar. Als Beispiel seien hier nicht die Werke eines der vielen Programme auf http://generatorblog.blogspot.com/ genannt, sondern die jüngst zu trauriger Berühmtheit gelangten "Bilder" eines für die Agentur Reuters arbeitenden Fotografen.

Die moderne Internautin wagt mal die Behauptung: DAS wäre durchaus erkennbar gewesen, jedenfalls für die meisten, die tagtäglich mit Retuschewerkzeugen, Reparaturpinseln etc. umgehen. So gut war das denn doch nicht gemacht. Trotzdem hat es vom 12. Juli bis zum 7. August 2006 gebraucht, die Fälschungen als solche zu erkennen und aus dem Verkehr zu ziehen.

Quality sells? Mitnichten. Was zählt, das sind schnelle Effekte, ausdruckstarke Bilder, treffende Illustrationen einer anderen Wirklichkeit. Solange das im Bereich der privaten Aktionen bleibt: kein Problem. Aber wenn es dann mal eben ganz einfach ist, Bilder, Nachrichten, Tatsachen zu verändern, zu verfälschen, dann ist das eben schon ein Problem.

Der Fall des libanesischen Fotografen Adnan Hajj und seine einigermaßen zügige Aufdeckung lässt schließlich doch hoffen. Allerdings ist es an uns (den Konsumenten, Käufern, Medienschaffenden, etc.), weiterhin ein wachsames Auge zu haben.

Auch Arbeit aus oben genannten Bewegründen (Kühlschrank! Nudeln!) verdient eine Ethik. Schließlich, so vermutet die moderne Internautin, ging es Herrn Hajj wohl um ganz ähnliche Gründe.

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