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Firmen sind was feines: Da sind Betriebsausgaben, was sie sind, und die Finanzbehörde fragt auch nicht groß, ob die Ausgabe für neue Software aus wirtschaftlichen Gründen oder aus dem Spieltrieb des oder der EDV-Verantwortlichen veranlasst wurden. Und so hat die moderne Internautin, bei der es in grauer Vorzeit schon mal bei der Frage zu Debatten kam, ob die Anschaffung einer Palme (Zierpflanze) und eines Orangenbaumes (Lebensmittel) für den Arbeitsraum als Betriebsausgaben abzugsfähig seien, es diesmal mit einem gewissen Neidfaktor zu tun. Die Anschaffung der neuen CreativeSuite 3 kann nämlich durchaus Freude bereiten und zur Steigerung des allgemeinen Lebensgefühles beitragen. …

Wobei das Vergnügen durchaus nicht preiswert ist: Eine CreativeSuite 3 Master-Collection, die im Kern die Anwendungen beinhaltet, die sich schon bisher auf der Festplatte der Internautin befanden, schägt mit einem Preis von EUR 3568,80 im alten Europa bzw. USD 2499,- (was zum heutigen Kurs EUR 1850.43 entspricht) in der USA zu Buche. Eine sinnvolle Erklärung, weshalb das Verschicken der Daten per Onlinekauf über den großen Teich hinweg den Preis nahezu verdoppelt, erwarte ich in diesem Augenblick nicht wirklich, und eine ebenso sinnvolle Erklärung, weshalb die bisher verwandte Kombination aus Photoshop, InDesign, Illustrator (als Freehand-Ersatz), Dreamweaver und Fireworks nicht paketweise zu erwerben ist – ich arbeite seit bald 10 Jahren mit einigen dieser Programme, habe meinen etablierten, sinnvollen Workflow, und ich möchte das nicht mit der Marketingabteilung von Adobe ausdiskutieren.

Schade also – es bleibt natürlich die Möglichkeit, eine Design-Premium (EUR 2616,81) sowie für EUR 427,21 Fireworks separat hinzuzukaufen – wobei letzteres sich nicht vollständig in die Landschaft integriert und der eigentlich sinnvolle Workflow zwischen den Anwendungen über Bridge nicht wirklich funktioniert. Im Sinne der Werktätigen des grafischen Gewerbes, der Stirn und der Faust wäre also die Möglichkeit, sich ein Paket nach den individuellen Bedürfnissen zusammen zu stellen eine wirklich feine Sache. Geht aber nicht – warum eigentlich in Zeiten, in denen die Hersteller nur ungern Pakete mit DVDs oder CDs verkaufen, sondern Kundinnen und Kunden vordringlich auf den Onlineshop verweisen? Oder wie bei Microsoft anhand der Seriennummer darüber entscheiden, welche Produktversionen freigeschaltet werden?

Fragen über Fragen, und dabei vergessen wir beinahe das Wesentliche – die Software. Und die ist – so viel sei an dieser Stelle bereits verraten – gut gelungen.

Vor allem die Offenheit für die unterschiedlichen Dateiformate hat von Anfang an überzeugt. Vorbei ist es mit dem Genörgel von Fireworks, eine Vektorgrafik unbedingt im Illustrator-8-Format einfügen zu wollen (was auch nie eine Garantie gewesen ist). Zu Ende ist es mit den Konvertierungsorgien von PSD nach JPEG oder GIF, wenn es darum ging, Grafikdaten nach Dreamweaver zu importieren. Es geht, einfach so: Einfügen, in Dreamweaver umrechnen lassen, fertig. Wundervoll.

Ein beworbenes Highlight ist die Möglichkeit, ein Layout in InDesign zu erstellen, selbiges in Dreamweaver zu importieren und mit einem Dutzend Klicks eine Webseite zu erstellen. Allerdings klingt diese Feature für mich persönlich noch nicht einmal im Ansatz verlockend, ist es doch meine tagtägliche Beschäftigung, in Handarbeit und mit vielen kleinen Anpassungen Drucklayouts ins Web zu übertragen. Ein Bildschirm ist in der Regel breiter als hoch, der Lesefluss ein anderer, und Interaktivität etwas, das einer Drucksache vollkommen fremd ist. Web funktioniert anders als Print. Basta.

Dass es GoLive nicht in die CreativeSuite geschafft hat, finde ich persönlich ein gutes Zeichen – zu sehr hinkte der erzeugte Code den Standards hinterher, auf wenn das Programm meist bessere Ergebnisse erzeugte als das ebenfalls verschiedene Frontpage. Wahre Dramen, die ein Klick auf "Quelltext anzeigen" meist noch schneller zu Tage förderte als der Validierungsservice das W3C.

Dreamweaver hat insgesamt gewonnen: So ist die Unterstützung für CSS handhabbarer und übersichtlicher geworden (unter anderem muss man dem Programm explizit mitteilen, dass es statt CSS bitteschön HTML-Tags verwenden soll – nicht zu empfehlen), und Adobe hat die hauseigene SPRY-Ajaxbibliothek integriert. Andere mögen folgen. Die Qualität des erzeugten Codes ist übrigens nach wie vor brauchbar, nötige Nacharbeiten halten sich im Rahmen, und der Editor von Dreamweaver bietet ebenfalls den gewohnten Komfort.

Immer noch vollkommen überflüssig ist Contribute. Wer die Suite kauft und sich halbwegs mit den Programmen wie mit den Hintergründen auskennt, der braucht das nicht. Also auch in neuer Version eine nette Dreingabe für all diejenigen, die sich ein Programmpaket besorgen und nichts damit anzufangen wissen, weil sie die Strukturen und Techniken des Web nicht verstanden haben? Jedes Online-CMS ist besser, vielseitiger und (wenn man denn weiß was man tut) auch zuverlässiger als die neu aufgelegte Beitragsschleuder.

Da Flash noch nie das Thema der modernen Internautin war: Wissen wir nicht, ob's besser ist. Eine Kollegin war angetan von der Integration ins Gesamtpaket, aber ich kann das letztlich nicht beurteilen.

Was bleibt: Exorbitante Preise und teilweise nette Funktionen. Die Suite leistet sich in den Kernfunktionen keine Patzer und verbessert die Arbeit über Programmgrenzen hinweg. Die Preise sind auch für Firmen happig, für Freelancer und kleine Grafikwerkstätten unerschwinglich.

Wer's haben möchte mag sich entscheiden, und die moderne Internautin wird vermutlich eine Aktiengesellschaft gründen, den Firmensitz auf die Antillen verlegen und das Büro direkt gegenüber des Finanzamtes aufschlagen müssen, um sich die Suite leisten zu können. Andererseits konnte man ja mit den Vorversionen auch schon arbeiten, oder?

Was ja nun auch wieder ein schöner Gedanke ist.

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